Stille Reserven - Bildung


#1

Liebe Community

Ich habe bald eine grosse Rechnungswesenprüfung. Dabei werden wir auch im Thema Stille Reserven geprüft. Nun verstehe ich dieses Thema überhaupt nicht.

Also, soweit ich verstanden habe - werden Stille Reserven gebildet um zusätzliches finanzielles Polster für schlechte Zeiten anzulegen & sorgt dafür weniger hohe Dividende auszuzahlen. Doch wann entscheidet man: hey, ich bilde jetzt Stille Reserven?

Ausserdem verstehe ich nicht wie der Buchungssatz für Stille Reserven lautet. Ich freue mich über jede Antwort!

Vielen lieben Dank:)

Julia


#2

Liebe Julia,

Genau, ein finanzielles Polster sowie tiefere Gewinnausschüttung sind die Folgen von stillen Reserven.

Grundsätzlich werden stille Reserven aufgrund des Vorsichtsprinzips und den unterschiedlichen Interessen (interne der Geschäftsleitung & externe der Aktionäre, Gläubiger, Steueramt etc.) gegründet. Da unterschiedliche Interessen gewahrt werden wollen, wird eine interne und eine externe Abschlussrechnung geführt. Die interne Abschlussrechnung dient zu Kontroll- & Entscheidungszwecken, weshalb sie möglichst wahrheitsgetreu ausgewiesen wird, während die externe Abschlussrechnung die finanzielle Situation zu Tiefstwerten ausweist um den Gläubigerschutz zu wahren. Die Differenzen zwischen beiden Abschlussrechnungen sind die stillen Reserven.

Durch tiefere Bewertung der Aktiven oder höhere Bewertung der Passiven werden stille Reserven gebildet. Diese Bewertungsanpassungen werden gegen ein Konto der Erfolgsrechnung gebucht, wodurch ein tieferer Gewinn resultiert (höherer Gewinn in schlechteren Zeiten, wenn stille Reserven wieder aufgelöst werden).

i.d.R. wird zwischen folgenden drei Arten unterschieden:
Ermessensreserven:
beispielsweise hoch eingeschätzte Abschreibungen
Zwangsreserven:
steigende Grundstückpreise, was nicht ausgewiesen werden darf
Willkürreserven:
offensichtlich zu hohe Abschreibungen, pessimistische Kurse, Vorräte auf tiefere Werte ändern, Kreditoren ausländischer Währungen FW Satz erhöhen, etc.

Nachfolgend einige Beispiele für die Bildung von stillen Reserven (dabei handelt es sich nicht um ein Konto, sondern einen Wert in der internen Abschlussrechnung!):
Abschreibungen / Maschine (höhere Abschreibungen als nötig)
Debitorenverlust / Delkredere (höheren Debitorenverlust ausweisen als nötig)
Wertschriftenaufwand / Wertschriften (auf tieferen Kurs anpassen)
Warenaufwand / Kreditoren (höheren Fremdwährungskurs anwenden)

Ich hoffe, diese Antwort ist hilfreich. Bei Fragen kannst du mir gerne Antworten.

Liebe Grüsse
Nora


#3

Liebe Nora

Vielen lieben Dank für deine Antwort. Das Thema ist mir nun schon viel klarer.

Nun, noch eine Frage betreffend Bilanzierungen. Gibt es da irgendwelche Regelungen wie was bilanziert werden muss?

In unserem Buch gibt es Aufgaben - die wir aber nicht gelöst haben - die wir für unsere Prüfung können müssen.

Sie sind in etwa so aufgebaut:
Vor 20 Jahren wurde “Blalabarabab” für 200 CHF erworben. Der geschätzte Kaufwert beträgt heute das 3fache. Zu welchem Wert darf “Blabarabab” bilanziert werden?

In anderen Aufgaben geht es um einen Nominalwert und Obligationen etc.

Ich hoffe es gibt irgendwelche Regelungen. Ansonsten verstehe ich die Aufgaben nicht so:) Im Internet habe ich nur sehr komplexe Erklärungen gefunden.

Kannst du mir weiterhelfen? Vielen lieben Dank!

Liebste Grüsse :wink:

Julia


#4

Liebe Julia

Freut mich, dass dir das Thema bereits verständlicher ist. :slight_smile:

Vorerst ist wichtig, dass es unterschiedliche Rechnungslegungsstandards (US-GAAP, Swiss GAAP FER, IFRS, OR etc.) gibt. Schweizer KMU’s wenden oftmals das OR an. Diese beschränkt sich auf Bewertungsobergrenzen und lässt niedrigere Bewertungen zu (stille Reserven). Die Aktiven sind darum höchstens mit dem Wert anzusetzen, der ihnen zum Bilanzierungszeitpunkt für das Unternehmen zukommt. Aktiengesellschaften müssen jedoch zwingend das Niederstwertprinzip anwenden.

Da die Bilanzvorsicht der wichtigste Grundsatz ist, sollte ein Unternehmen nicht reicher dargestellt werden, als es in Wirklichkeit ist. Im Zweifel sind also Aktiven und Erträge eher zu tief, Schulden und Aufwendungen eher zu hoch anzusetzen. Womit wir wieder bei den ‘stillen Reserven’ wären.

Ein wichtiger Punkt zum Schluss:

Obwohl das OR keine Einschränkungen der Tiefstwerte vorgibt, ist das Steueramt nicht daran interessiert, mit stillen Reserven den Gewinn zu minimieren. Deshalb ist es wichtig, sich über die jeweiligen steuerrechtlichen Einschränkungen zu informieren (Mindestbewertungsvorschriften im Zusammenhang mit
Abschreibungen, Delkredere, Warendrittel).

Ich hoffe, dass dir das Thema damit noch klarer wurde.
Bei Fragen kannst du gerne wieder antworten.

Liebe Grüsse
Nora


#5

Liebe Nora

Vielen vielen lieben Dank. Dank deinen Erklärungen bin ich jetzt gut gewappnet für die bevorstehende Prüfung:)

Einen wunderschönen Abend & nochmals vielen Dank!

Julia


#6

Liebe Julia

super, das freut mich!
Dir auch einen schönen Abend & vorallem viel Erfolg für die Prüfung.

Liebe Grüsse
Nora


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